Stimmen aus der Pflege: Digitalisierung in Pflegeorganisationen
Shownotes
Die Folge bietet einen differenzierten Einblick in die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung aus Sicht einer Pflegeorganisation – und zeigt, wie digitale Lösungen als Ergänzung und Unterstützung im Pflegealltag gedacht werden können.
Ein wertvoller Beitrag für alle, die sich für die praktische Perspektive auf technische Innovationen in der Pflege interessieren.
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00:00:00: Manuel Schlifski: Ich begrüße alle Zuhörerinnen und Zuhörer ganz herzlich und möchte Sie willkommen heißen zu einer weiteren Folge von AIDA Stimmen aus der Pflege. Heute spreche ich mit Herrn Jörg Kloman vom Diakonischen Werk im Kirchenkreis Recklinghausen. Einer der Personen, die maßgeblich beim Implementierungsprozess der Technik im Projekt AIDA in die Praxis mitgewirkt hat und ich bin sehr gespannt, was wir heute von ihm erfahren werden, wie das Projekt AIDA innerhalb der Organisation umgesetzt wurde und welche Erkenntnisse auch dabei gewonnen wurden. Zuerst einmal begrüße ich Sie ganz herzlich, Herr Klomann: Hallo.
00:00:36: Jörg Klomann: Hallo.
00:00:36: Manuel Schlifski: Und möchte dann zunächst Sie einmal bitten, sich kurz vorzustellen, zu erklären, was Sie denn eigentlich machen im Diakonischen Werk und wer Sie sind.
00:00:43: Jörg Klomann: Ja, ich bin Jörg Kloman, ich bin 55 Jahre alt, von Beruf bin ich Sozialpädagoge und seit fünf Jahren bin ich verantwortlich für den Bereich Pflege. Ambulant und stationär, teilstationär für das Diakonische Werk im Kirchenkreis Recklinghausen. Wir betreiben drei Altenheime, vier ambulante Dienste, einen ambulanten Hospizdienst, zwei Tagespflegen und verantworten auch die Wohnberatung in Haltern am See.
00:01:20: Manuel Schlifski: Ein Aufgabenbereich, der jetzt im Laufe des Projektes eben mit dazugekommen ist, ist offensichtlich das Projekt AIDA, das in genau dieses Geschäftsfeld hineinfällt, Gesundheit und Pflege. Im konkreten Fall ist das die ambulante Pflege und würde dazu ganz gerne die Chance nutzen, einmal zu Strategien und Umsetzungen zu sprechen. Wenn man jetzt auf Umsetzung schaut, dann steht am Anfang ja häufig, mit welchen Erwartungen man ja in einen solchen Prozess hineingeht. Wie war das bei Ihnen? Welche Erwartungen hatten Sie gegenüber dem digitalen Assistenzsystem?
00:01:50: Jörg Klomann: Wir sind fest davon überzeugt, dass wir digitaler werden müssen. Wir müssen Technik nutzen, um zukunftsfähig zu sein. Das ist wirklich unser Credo. Der demografische Wandel klopft nicht nur an der Tür, sondern er hat schon seinen Fuß in der Tür. Und wir werden uns darauf vorbereiten müssen, die Mitarbeitenden möglichst gut zu unterstützen. Ich denke da immer an Assistenzsysteme im Auto. Wenn Sie sich vorstellen, so ein Auto hat heute ganz viele Assistenzsysteme, ganz selbstverständliche wie eine Tankanzeige, aber auch solche hochtechnisierten wie Spurhalteassistenz, Radar und so weiter. Stellen Sie sich jetzt eine Fahrt von München hier zurück ins Ruhrgebiet vor ohne diese Assistenzsysteme. Wie lange würde die dauern? Wie unbequem wäre sie? Wie oft müssten sie anhalten? Und Assistenzsysteme machen das Leben etwas leichter. Das Auto wird ein Auto bleiben, aber es wird angenehmer zu fahren sein. Und so, denke ich, ist es auch für die Pflege. Es wird weiterhin Menschen bedürfen in der Pflege, die sich um Menschen kümmern. Aber diese Menschen müssen unterstützt werden, weil sie weniger werden. So fürchte ich.
00:03:19: Manuel Schlifski: Ich finde diese Metapher ganz spannend, die Sie gerade aufgemacht haben mit den Assistenzsystemen im Auto. Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass Ihr Aufgabenbereich, oder genauer genommen die große Organisation, das diakonische Werk, jetzt unser Auto ist. Wie würden Sie das einschätzen? Wie hat da der Einbau unseres Assistenzsystems in dieses Auto-Diakonisches Werk geklappt?
00:03:39: Jörg Klomann: Wir sind ja noch am Üben, würde ich sagen. Wir sind noch in der Fahrschule. Es hat ganz viel mit Akzeptanz zu tun. Es hat auch ganz viel mit einer Routine zu tun, es zu benutzen. Und ich bin davon fest überzeugt, dass wir uns die Technik nutzbar machen müssen, aber es muss wirklich geübt werden. Es nützt nicht einfach, etwas hinzustellen, einzustöpseln und zack, funktioniert alles. Sondern wir müssen auch in einem Hands-on ständig ausprobieren, was geht, was geht nicht. Manchmal ist auch Technik ein bisschen kompliziert, wenn ich ans Anmeldesystem denke zum Beispiel.
00:04:30: Manuel Schlifski: Kommen wir einmal zur praktischen Nutzung des Systems, weil wir jetzt sehr viel darüber sprechen, wie das Ganze konzeptionell ist, wie das im Großen und Ganzen aussieht, wie das vielleicht auch gesamtgesellschaftlich aussieht. Wenn man sich jetzt diese Sensoren, die verschiedenen Aktivitäten im Haushalt detektieren, anschaut. Wie läuft das dann bei Ihnen mit der Bearbeitung und dem auch Arbeiten mit diesem Assistenzsystem in den einzelnen Diakonistationen? Können Sie da vielleicht ein bisschen was zu erklären?
00:04:59: Jörg Klomann: Also wir haben in all unseren Stationen feste Ansprechpartnerinnen, die Key-User. Das sind meistens Pflegedienstleitungen oder Teamleitungen. Wir haben Tablets, auf denen eine Zwei-Wege-Authentifizierung installiert ist, um dann auf die Daten zugreifen zu können. In diesem Pflegecockpit, was man dann damit aufmachen kann, sieht man eben die verschiedenen Sensordaten. Nach Zeit und welcher Sensor in welchem Raum gerade oder über den Tag oder auch über vergangene Tage angeschlagen hat. Somit sind dann zum Beispiel Bewegungsprofile, Tag-Nacht-Rhythmus ist identifizierbar. Sind die Sensoren am Kühlschrank aktiviert worden, sodass man davon ausgehen kann, Mensch, da ernährt sich auch noch jemand oder holt sich was zu trinken aus dem Kühlschrank. Die Key-User schauen regelmäßig, meist einmal die Woche, in die Daten und schauen, ob es Veränderungen gibt. Also hat sich etwas an einem Rhythmus verändert? Hat sich einen Tag-Nacht-Rhythmus umgekehrt? Bei einem unserer Klienten ist es aufgefallen, dass der nachts eine totale Wanderungstendenz hatte und das wusste aber keiner. Das wussten die Angehörigen nicht und es kam dann auch des Öfteren wohl zu stürzen und der Herr ist aufgrund dieser Daten dann doch eher in eine stationäre Einrichtung gegangen und ihm geht es dort weitaus besser als zu Hause alleine. Also auch das sind Ergebnisse dieser Datenauswertung.
00:06:59: Manuel Schlifski: Gab es aus Ihrer Sicht darüber hinaus irgendwelche besonderen Momente oder Kenntnisse, die Ihre Sichtweise auf digitale Technologien in der Pflege beeinflusst oder vielleicht sogar verändert haben?
00:07:11: Jörg Klomann: Wir haben ja nicht nur mit uns selbst zu tun, sondern wir haben ja auch mit unseren Klient_innen zu tun. Und positiv ist mir da in Erinnerung geblieben, dass sie alle eine klare Haltung hatten. Also entweder sowas kommt mir nicht ins Haus, wenn wir nachgefragt habe. Aber auch in Bezug auf die Technik, wenn sie dann installiert war und sie das wirklich besser angenommen haben, als wir es je gedacht haben. Also Senior_Innen werden ja oft unterschätzt auch, aber auch da eine klare Kante zu haben. „Ne. Also einen roten Alarmknopf möchte ich aber nicht an der Wand haben. Wie sieht das denn aus? Was sollen meine Freundinnen denken?“ Also auch, das war ja auch Input, den wir bekommen haben über das Projekt.
00:07:59: Manuel Schlifski: Was bei mir tatsächlich positiv, genauso wie Sie das auch gerade geschildert haben, in Erinnerung geblieben ist, ist die dennoch grundsätzlich positive und offene Haltung. Und da habe ich tatsächlich auch eine sehr positive, aus meiner Sicht, positive Erfahrung machen können. Und zwar haben zwei der teilnehmenden Klient_Innen unabhängig voneinander gesagt, dass sie es einfach spannend finden, an einem innovativen Prozess mitwirken zu dürfen. Ich bin Teil von Zukunftsorientierung. Ich bin Teil von einem Projekt, von einer Projektarbeit und leiste dann eben auch einen Beitrag für die, die nach mir vielleicht dann nochmal kommen und auch auf diese Technik angewiesen sein könnten irgendwann. Das war ein sehr erhellender Moment für mich persönlich, weil man einfach gemerkt hat, okay, das ist bei allen Dingen, die wir diskutieren müssen, bei allen Dingen, die sich noch verändern müssen, bei allen Dingen, die angepasst werden müssen, aber ein Zeichen, dass man auf einem guten Weg ist. Das war zumindest mein Eindruck. Wenn wir jetzt aber schon über Pflegebedürftige sprechen, würde ich daran direkt eine Frage noch andocken wollen, und zwar, wie es aussieht mit der Usability auf Seiten der Pflegebedürftigen. Wie sieht es mit den Verbesserungen für das diakonische Werk, wozu ja auch letztlich die Klient_Innen als Kunden sozusagen dazugehören aus? Was würden Sie da so für Schlussfolgerungen ziehen?
00:09:11: Jörg Klomann: Also wir haben auf jeden Fall ein Bewusstsein für Digitalisierungsthemen geschaffen. Also wir hatten das immer auf der Agenda, aber oft ist Digitalisierung ja nur ein PDF erstellen, was man beschreiben kann und dann ausdruckt und weiterleitet. Das ist ja nicht Digitalisierung, so wie wir es eigentlich haben möchten. Wir sind, glaube ich, ein bisschen mehr open-minded geworden, was Technik angeht. Wir haben jetzt auch erfahren, dass sie funktioniert, dass wir Daten generieren, die uns weiterhelfen im Pflegeprozess und damit nicht nur uns als professionell Pflegenden, sondern eben auch den pflegenden Angehörigen und den Klient_Innen selber. Wir haben strategisch auf Seiten der Geschäftsführung ganz klar das Thema auf die Agenda genommen. Digitalisierung, digitale Angebote auch zu schaffen für KlientInnen, dort vielleicht auch sogar Vorreiter zu sein. Ob uns das gelingt, werden wir sehen. Aber es wird ein Standbein unserer Aktivität sein, auch digitale Angebote anzubieten, also digitale Unterstützung im häuslichen Umfeld.
00:10:25: Manuel Schlifski: Im Laufe des Projektes ist es ja zwischenzeitlich noch zu einer Veränderung gekommen, was die Technik angeht. Vielleicht können Sie das einmal aus Ihrer Sicht beschreiben, was da für Punkte interessant gewesen sind oder relevant gewesen sind, dass es zu diesem Technikwechsel gekommen ist.
00:10:42: Jörg Klomann: Die erste Technik, die verbaut war, hat ja ganz oft nicht funktioniert, hat Fehlalarme ausgelöst, hat Alarme gegeben, weil keine Verbindung möglich war. Und erst in der zweiten Hälfte des Projektes kam ja dann die funktionierende Technik mit einem, auch für unsere Mitarbeitenden ansprechenden Pflegecockpit, mit Daten, mit denen wir tatsächlich auch etwas anfangen konnten. Und das hat dann wirklich so ein, war der Game Changer. Wir mussten dann neu die Mitarbeitenden natürlich einweisen, haben auch dadurch ein paar Klient_Innen verloren, die nicht nochmal neue Technik haben wollten. Und so, dass wir dann auch eigentlich nur eine kleine Probandengruppe zusammen hatten von, ich glaube, acht oder neun Personen.
00:11:36: Manuel Schlifski: Was nehmen Sie jetzt aus dem Projekt mit, was Ihre Organisation langfristig womöglich auch beeinflussen wird?
00:11:41: Jörg Klomann: Ja, ich sagte schon, dass wir uns wirklich auch digital ausrichten. Pflege wird sich verändern. Wir werden uns verändern müssen, also auch in Strukturen. Wir werden zeitlich flexibler werden müssen. Auch da muss uns Technik bei helfen. Ich denke da so an Pflege on Demand wird ein Thema sein, dass man wirklich sich, so wie wir jetzt uns unsere Pizza bestellen, vielleicht auch den Pflegedienst bestellen. Das kann durchaus kommen. Ich halte das nicht für eine Utopie oder Dystopie. Ich glaube auch, dass durch diese sehr klientennahe Technik die Klienten auch mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Und Technik, gerade so Sensordaten, geben erstmal ein objektiveres Bild, als ein subjektiver Eindruck eines pflegenden Menschen oder auch eines pflegenden Angehörigen, der hin und wieder vor Ort ist und eine Momentaufnahme hat. Das ist was anderes, als wenn man auch valide Daten von Sensoren hat. Ich glaube, beides wird sich ergänzen dort.
00:12:45: Manuel Schlifski: Herr Klomann, ich bedanke mich ganz herzlich, dass Sie sich die Zeit genommen haben und mit uns einen kleinen Blick genommen haben auf das Projekt aus Ihrer Perspektive. Ich freue mich sehr, dass wir das machen konnten und dass wir auch gemeinsam im Projekt zusammengearbeitet haben. Und es war natürlich insgesamt spannend zu hören, wie AIDA auf Ihrer Seite des Projektes umgesetzt wurde und welche Erkenntnisse sie auch daraus für sich gezogen haben. Für unsere Zuschauer_Innen möchte ich empfehlen, sich auch gerne die weiteren Folgen von AIDA Stimmen aus der Pflege anzuhören. Wir haben weitere Perspektiven, um einen tieferen Blick in Bezug auf zum Beispiel die Wissenschaft oder die Technik auch zu erlangen. Herzlichen Dank.
00:13:21: Jörg Klomann: Gerne.
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